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Erdbogen
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Erdbogen, englisch ground bow, ground harp, earth bow, französisch arc en terre, ist ein einfaches Saiteninstrument, dessen Saite an einem in den Erdboden gesteckten biegsamen Holzstab als SaitentrĂ€ger und einer ĂŒber einer Grube liegenden Membran meist aus Baumrinde oder einer Blechplatte befestigt ist. Das ausgegrabene Erdloch dient als Resonanzraum zur SchallverstĂ€rkung. Der Musiker erzeugt unterschiedliche Tonhöhen, indem er mit einer Hand den Holzstab biegt, um die Saite mehr oder weniger stark zu spannen, und sie mit der anderen Hand zupft. StationĂ€re Erdbögen stehen wie tragbare Musikbögen am Anfang der geschichtlichen Entwicklung der Saiteninstrumente. Der Erdbogen ist hauptsĂ€chlich von einigen Regionen in Zentralafrika (darunter Demokratische Republik Kongo und Zentralafrikanische Republik) und Ostafrika (Uganda) bekannt. Weitere Verbreitungsgebiete liegen oder lagen in der Karibik, in Westafrika und im sĂŒdlichen Afrika (Simbabwe und in SĂŒdafrika bei den Venda). Er gehört nach der Hornbostel-Sachs-Systematik zu den Harfen.
Bei der verwandten Erdzither (englisch ground zither, französisch cithare en terre), deren Resonator gleichfalls aus einem Erdloch besteht, ist die an beiden Enden am Erdboden befestigte und ĂŒber in den Boden gesteckte Pflöcke gefĂŒhrte Saite durch eine kĂŒrzere Schnur in der Mitte mit der Membran ĂŒber der Grube verbunden. Die instrumentenkundlich den Brettzithern zuzuordnende Erdzither ist vereinzelt in Zentralafrika (Kongo), Madagaskar und vor allem in SĂŒdostasien (Vietnam) anzutreffen.
Contents
âą Herkunft
âą Uganda
âą Kongo
âą Westafrika
âą Madagaskar
âą Mittelamerika
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Herkunft
Charles Darwin (1871) ergĂ€nzt sein Diktum: âDa weder die Freude an dem Hervorbringen musikalischer Töne noch die FĂ€higkeit hierzu von dem geringsten Nutzen fĂŒr den Menschen in Beziehung zu seinen gewöhnlichen Lebensverrichtungen sind, so mĂŒssen sie unter die mysteriösesten gerechnet werden.â um die Feststellung, dass die FrĂŒhmenschen, bevor sie sich durch Sprache artikulieren konnten, mit ihren Stimmorganen verstĂ€ndigten und die Frauen mit ihren âlieblicheren Stimmen...zuerst musikalische KrĂ€fte erlangten, um das andere Geschlecht anzuziehen.âcite-ref-1[1]
NĂŒtzlichkeitserwĂ€gungen, die die Gesangsstimme als ursprĂŒngliches Signalinstrument beschreiben und fĂŒr die Herstellung von Musikinstrumenten ausschlaggebend gewesen sein sollen, wurden auch von Musikhistorikern vorgebracht. FĂŒr Curt Sachs (1940) steht bei den altsteinzeitlichen JĂ€gern aber nicht die Verwendung von Signal- oder GerĂ€uschinstrumenten fĂŒr die Jagd oder fĂŒr musikalische Zwecke, sondern als lebenssichernde magische Hilfsmittel im Vordergrund. Nicht Form oder Material, sondern sein Klang bestimmt die magische QualitĂ€t eines Musikinstruments, wie Sachs fĂŒr das Beispiel des Schwirrholzes ausfĂŒhrt.cite-ref-2[2]
Neben Theorien, die fĂŒr jedes Musikinstrument eine eigene, mehr oder weniger unabhĂ€ngige Entwicklungsgeschichte vorschlagen, gibt es auch ein Modell, wonach alle Musikinstrumente auf denselben Ursprung zurĂŒckgehen. Demnach stehen die frĂŒhesten Klangerzeuger der Altsteinzeit mit GerĂ€tschaften fĂŒr die Jagd in Beziehung oder hatten mit der AusĂŒbung der Jagd zu tun. Hierunter fĂ€llt vor allem der einfache Mundbogen, der sich aber auf prĂ€historischen Felszeichnungen nicht zuverlĂ€ssig von einem Jagdbogen unterscheiden lĂ€sst und auch in seiner heutigen Verwendung etwa bei den ÇKung im sĂŒdlichen Afrika nichts anderes als ein umfunktionierter Jagdbogen ist.cite-ref-3[3] AuĂerdem sollten die frĂŒhesten Klangerzeuger (wie GefĂ€Ăflöten) Tierstimmen nachahmen, um Beute anzulocken oder (wie Schraper aus Knochen und Schwirrhölzer) Tiere erschrecken, damit sie davonlaufen und in Fallen gefangen werden. SchlieĂlich dienten Signalinstrumente (Tierhörner und Schneckentrompeten) der VerstĂ€ndigung zwischen weit entfernten JĂ€gern.
Saiteninstrumente gelten als die jĂŒngste Gruppe der Musikinstrumente. In Curt Sachsâ Einteilung der Instrumentenentwicklung gehören sie, vertreten durch Erdbogen, Erdzither und Musikbogen, zum âmittleren Stratumâ der im Unterschied zum âĂ€lteren Stratumâ nicht weltweit, sondern in groĂen Regionen auf mehreren Kontinenten verbreiteten Musikinstrumente.cite-ref-4[4] Wegen einer 15.000 bis 13.000 BP datierten Höhlenzeichnung in der Drei-BrĂŒder-Höhle in Frankreich, die nach einer zweifelhaften Interpretation einen Mundbogen spielenden Mann in Tierkleidung zeigt, und wegen Ă€hnlichen Szenen von in Umrissen dargestellten Figuren aus der Zeit des MagdalĂ©nien und der nachfolgenden Mittelsteinzeit, gilt der Mundbogen als Ă€ltestes Saiteninstrument. Erdbögen gehören ebenfalls in den Zusammenhang der Jagd. Sie finden sich nicht auf prĂ€historischen Darstellungen, ihre frĂŒhe Verwendung wird aber aus seit dem 19. Jahrhundert vorliegenden ethnologischen Beobachtungen gefolgert. Die fĂŒr Tierfallen am Pfad der Wildtiere ausgehobene Grube entspricht dem Loch des Erdbogens und ist mit labilen membranartigen Stoffen wie Rinde oder Tierhaut abgedeckt, damit das Tier einbricht, wenn es darauftritt. Die mittig auf der Membran befestigte Schnur wird beim Erdbogen in Schwingungen versetzt und bei der Fallgrube hĂ€lt sie die Abdeckung in ihrer Position, bis das Tier mit dem Kopf oder einem FuĂ die Schnurschlinge von ihrer Befestigung löst und mitsamt der Abdeckung einbricht.cite-ref-5[5]
Vielleicht begann ein JĂ€ger an der Fallenschnur zu zupfen und erfand so den Erdbogen. Der Nachteil des Erdbogens ist sein nur stationĂ€r möglicher Gebrauch, weshalb Jeremy Montagu in ErwĂ€gung zieht, dass er sogar Ă€lter als der von einem Ort losgelöste Musikbogen sein könnte.cite-ref-6[6] Falls MutmaĂungen ĂŒber die zeitliche Abfolge fĂŒr möglich gehalten werden, dann gelten die fĂŒr das menschliche GrundbedĂŒrfnis Jagd notwendigen GerĂ€te Bogen und Falle gegenĂŒber den gleichartigen Klangerzeugern Musikbogen und Erdbogen als Ă€lter.cite-ref-7[7]
Weiterentwicklung
Zweifellos stehen die beiden einsaitigen Musikinstrumente unabhĂ€ngig ihres nicht konkret fassbaren Alters am Beginn einer langen Entwicklungsgeschichte. Durch ungefĂ€hr mittige Teilung der Saite eines Mundbogens mittels einer Stimmschlinge, die mit einem Resonanzkörper verbunden ist, ergibt sich aus dem Mundbogen ein Musikbogen, der zwei Grundtöne produziert und prinzipiell einer Erdzither entspricht, wĂ€hrend eine höhere Anzahl von Saiten an jeweils einem biegsamen SaitentrĂ€ger zu einem Pluriarc fĂŒhrt.
Nach der Hornbostel-Sachs-Systematik gehört der Erdbogen nicht zu den Stabzithern (311), weil bei diesen ein eventuell vorhandener Resonator seitlich und abnehmbar am Stab angebracht ist, und nicht wie die Erdzither zu den Brettzithern (314), sondern zu den Harfen (322), bei denen die Saiten in einem rechten Winkel die Decke des Resonators verlassen.cite-ref-8[8] Die seit dem Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. in Mesopotamien abgebildete Bogenharfe stellt strukturell einen von seiner Ortsgebundenheit befreiten Erdbogen dar. Diese (europĂ€ische) instrumentenkundliche Klassifizierung unterschlĂ€gt die musikalisch engere Beziehung zu afrikanischen Musikbögen. Aus anderen GrĂŒnden glauben die Baganda in Uganda jedoch, dass ihr Erdbogen sekitulege der historische VorlĂ€ufer der achtsaitigen Bogenharfe ennanga gewesen sei.cite-ref-9[9]
Allerdings ist die Besonderheit des Erdbogens, dessen Saitenspannung und damit Tonhöhe durch Biegen oder Strecken des Holzstabes in einem weiten Bereich kontinuierlich variabel ist, so nur beim Typus der einsaitigen vietnamesischen Kastenzither ÄĂ n báș§u erhalten geblieben. An die Stelle des Erdlochs ist bei der ÄĂ n báș§u ein langrechteckiger Holzkasten getreten, an dessen einem Ende ein beweglicher Stab herausragt, von dem eine Metallsaite schrĂ€g ĂŒber den Kasten bis zu dessen anderem Ende verlĂ€uft. Die mit einer Hand am Stab gespannte Saite wird mit der anderen Hand gezupft und produziert hell klingende Glissando-Töne. In China sind mit der duxianqin (yixian qin) und in Japan mit der ichigen-kin Ă€hnliche Instrumente bekannt.
Die ÄĂ n báș§u liegt beim Spielen auf einem Tisch. FĂŒr einen weiteren Entwicklungsschritt hĂ€lt Curt Sachs (1940) ein tragbares Musikinstrument und erwĂ€hnt die in ihrer Tonhöhe ebenfalls stufenlos variable einsaitige Zupftrommel anandalahari in Indien, deren freies Saitenende mit einer Hand beliebig stark gestrafft wird.cite-ref-10[10] Die anandalahari wird rhythmisch verwendet und unterscheidet sich konstruktiv und musikalisch deutlich von der ÄĂ n báș§u, dennoch wurde auf eine mögliche Verbindung der beiden Instrumententypen verwiesen.cite-ref-11[11] Die zwei Typen der indischen Zupftrommeln haben als einzige strukturelle Gemeinsamkeit mit dem Erdbogen, dass â entsprechend der Abdeckung mit Rinde ĂŒber dem Erdloch â ein Saitenende in der Mitte einer Membran (Trommelmembran aus Tierhaut) befestigt ist.cite-ref-12[12]
Auf eine gĂ€nzlich andere Adaption des Erdbogens macht Klaus Wachsmann (1958) aufmerksam. In Uganda gab es im 19. Jahrhundert den mit dem Finger gezupften Erdbogen sekitulege, der als Kinderinstrument verwendet wurde. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts machten von der ostafrikanischen KĂŒste kommende arabische HĂ€ndler die Ugander mutmaĂlich mit der arabischen SpieĂgeige rbÄb oder mit einer chinesischen RöhrenspieĂgeige bekannt. Ein junger ugandischer Musiker soll nun um 1907 den gezupften Erdbogen mit der Idee der gestrichenen SpieĂgeige verbunden und die ugandische RöhrenspieĂgeige endingidi erfunden haben. Auf der lauter klingenden endingidi wurden zunĂ€chst vom Erdbogen ĂŒbernommene Melodien gespielt.cite-ref-13[13] Typologisch ist der Weg vom Erdbogen zur SpieĂgeige weniger naheliegend.
Eine in jeder Hinsicht folgerichtige Weiterentwicklung des Erdbogens stellt der Teekistenbass dar, der in Skifflebands in den 1930er Jahren in den Vereinigten Staaten und um 1950 im sĂŒdafrikanischen Musikstil Kwela populĂ€r wurde. Auch wenn der Erdbogen bei den Venda in SĂŒdafrika eine lange Tradition hat, wurde der sĂŒdafrikanische Teekistenbass babatoni offenbar ĂŒber britische Skiffle-Musiker in den 1950er Jahren oder ĂŒber amerikanische Soldaten wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs eingefĂŒhrt und damit war die musikalische Rolle des Erdbogens wiederentdeckt. Beim Teekistenbass entspricht der in den Boden gesteckte biegsame Stab des Erdbogens einem Besenstiel, der an einer auf dem Boden stehenden rechteckigen Kiste befestigt ist. Die Saite verlĂ€uft von der Spitze des Besenstiels bis zur Mitte der Kistendecke. Mit einem FuĂ auf der Kiste zieht oder drĂŒckt der Musiker mit der linken Hand am Besenstiel und verĂ€ndert dadurch die Spannung der Saite, die er mit der rechten Hand zupft.cite-ref-14[14] Die Assoziation des Teekistenbass mit dem Erdbogen ist fĂŒr afrikanische Musiker in vielen Regionen naheliegend, wie Gerhard Kubik etwa 1972 in Uganda erfuhr, als der Bass seiner Kwela-Gruppe aus Malawi mit dem ugandischen Namen fĂŒr Erdbogen, sekitulegbe, benannt wurde.cite-ref-15[15]
Der anfangs von Afroamerikanern in den Vereinigten Staaten gespielte Teekistenbass und der Waschwannenbass, dessen Resonator aus einem umgedrehten Blecheimer besteht, gelten dort als Weiterentwicklungen des Erdbogens. Analog wurde der afrikanische Kalebassen-Musikbogen von den Bembe im Osten des Kongo zu einer einsaitigen Brettzither umgestaltet, die von zwei Jungen gespielt wird. Der eine Junge schlĂ€gt nach einer Beschreibung von 1954 auf die Saite des am Boden liegenden Instruments, wĂ€hrend der andere mit einer Blechdose entlang der Saite streicht, um die Resonanz zu verstĂ€rken und die Tonhöhe zu verĂ€ndern.cite-ref-16[16] Dieser Tonerzeugung entspricht in Venezuela die Stabzither carĂĄngano, bei der eine Saite ĂŒber ein Bambusrohr gespannt ist. Ein Spieler schlĂ€gt mit Stöckchen die Saite, wĂ€hrend ein zweiter eine mit Steinchen gefĂŒllte Kalebasse zur ResonanzverstĂ€rkung gegen die Saite hĂ€lt. Das Instrument wird vor allem von der afrikanischstĂ€mmigen Bevölkerung an der NordkĂŒste Venezuelas verwendet.cite-ref-17[17]
CarĂĄngano heiĂt auch ein von Afrokolumbianern an der AtlantikkĂŒste von Kolumbien gespielter Erdbogen, bei dem das Loch im Boden mit einer Blechplatte abgedeckt ist. Von der Mitte der Blechplatte wird die Saite bis zu einem Pfosten oder einem beliebigen anderen Befestigungspunkt etwa an einer Hauswand gespannt. Der Musiker verkĂŒrzt die Saite mit Daumen und Fingern der linken Hand, wĂ€hrend er mit einem hölzernen Plektrum in der rechten Hand zupft. Das sehr selten gewordene Zupfinstrument wurde frĂŒher hauptsĂ€chlich von Frauen zur Gesangsbegleitung gespielt. Eine dem Teekistenbass entsprechende Variante mit einer Holzkiste wird ebenfalls carĂĄngano genannt.cite-ref-18[18]
Eine einsaitige Brettzither, bei der die Tonhöhe mit einem auf ihr entlang gleitenden Gegenstand glissandoartig verĂ€ndert wird, ist der Anfang des 20. Jahrhunderts im Delta Blues eingefĂŒhrte diddley bow. Um diese Zeit kam auch â zunĂ€chst unter der afroamerikanischen Bevölkerung â die mit einem Slide gespielte Gitarre auf.cite-ref-19[19]
Bei Zithern verlaufen die Saiten parallel ĂŒber einen Resonanzkörper. Die im Verbreitungsgebiet ostafrikanischer Erdbögen liegenden Trogzithern (inanga in Burundi und angrenzenden Regionen) besitzen anstelle des Erdlochs als Resonanzkörper eine flache Holzschale. Bei der sechssaitigen Trogzither ligombo im Westen Tansanias wird die langrechteckige Holzschale zur KlangverstĂ€rkung zusĂ€tzlich mittig auf die Ăffnung einer topfförmig aufgeschnittenen Kalebasse gelegt.
Ein am Anfang der Entwicklungsgeschichte der Membranophone stehender Gebrauch des Erdlochs ist die Erdtrommel, bei der eine als Membran fungierende, mit Pflöcken ĂŒber ein Loch gespannte Tierhaut mit Stöcken geschlagen wird. Analog zur Trogzither ligombo war die weitere Entwicklung der Schlagtrommel eine am Boden ausgebreitete und ĂŒber einen auf dem Boden stehenden Topf gezogene Tierhaut (imbiza und intambula in SĂŒdafrika).cite-ref-20[20]
Bauform und Verbreitung
Der Afrikaforscher Georg Schweinfurth ĂŒberliefert in seinem 1874 veröffentlichten Reisebericht Im Herzen von Afrika die erste Beschreibung eines Erdbogens, den er bei den Bongo (im heutigen SĂŒdsudan) fand:cite-ref-21[21]
âJĂŒngere Leute und selbst kleine Knaben sind gerade die leidenschaftlichsten Musiker. ... Oft sitzen sie stundenlang vor einem solchen Bogen, den sie in die Erde eingesteckt haben und dessen Sehne sie ĂŒber eine mit Rinde verdeckte Grube befestigen, welche sich nebenbei in einem Schalloche öffnet. Indem sie nun die Hand bald an diese, bald an jene Stelle des Bogens legen und mit der andern die Gerte fĂŒhren, erzeugen sie eine Menge schwirrender und summender, oft ganz hĂŒbscher Modulationen.â
Eine frĂŒhe Skizzen eines Erdbogens (in Guinea) veröffentlichte C. Maclaud 1908. GĂŒnter Tessmann, der nach Reisen in derselben Zeit in Zentralafrika Die Pangwe. Völkerkundliche Monographie eines westafrikanischen Negerstammes (1913) verfasste, teilte seine Beobachtung eines Erdbogens bei Gbaya-Kindern 1914 in einem Brief Erich Moritz von Hornbostel mit, als das Manuskript der Hornbostel-Sachs-Systematik (1914) bereits abgeschlossen war. Darin kommt zwar die Erdzither, aber namentlich noch nicht der Erdbogen vor. Curt Sachs erwĂ€hnt ihn erstmals in Geist und Werden der Musikinstrumente von 1929.cite-ref-22[22]
Der Erdbogen ist oder war ĂŒberwiegend in bantusprachigen Gebieten in Subsahara-Afrika verbreitet. Zum engeren Verbreitungsgebiet in Afrika gehören Uganda, die Demokratische Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik und Kamerun, im Westen einschlieĂlich Senegal und Liberia (Fulbe), der ElfenbeinkĂŒste, im Osten Tansania (bei den Shambala in den Usambara-Bergen), im SĂŒden Simbabwe, Botswana, SĂŒdafrika und Madagaskar.
Die Membran besteht traditionell meist aus einem BaumrindenstĂŒck, das heute hĂ€ufig durch eine Blechplatte ersetzt wird. Der Erdbogen tekpede bei den Dan in der ElfenbeinkĂŒste besitzt eine Membran aus mehreren ĂŒbereinander ausgebreiteten BananenblĂ€ttern, auf denen ein aus Lianen gewickelter Ring liegt. Der Ring wird wie allgemein die Membranen durch in den Boden gesteckte hakenförmige Hölzer (AstgabelstĂŒcke mit den dĂŒnnen Enden nach unten) fixiert. Die Membran kann auch durch am Rand aufgelegte Steine oder wie von Uganda beschrieben durch auĂen aufgehĂ€ufte Erde beschwert werden. Beim dyulu tama der Malinke in der Region Fouta Djallon in Guinea besteht die Membran aus einer Schafhaut.cite-ref-23[23]
Uganda
Wie ein Musikinstrument regional klassifiziert wird, lĂ€sst sich in Afrika ungefĂ€hr bereits an dem fĂŒr âInstrument spielenâ verwendeten Verb erkennen. Auf Luganda, der Hauptsprache im zentralen Uganda, umfasst das Verb okuteera (ungefĂ€hr mit âschlagenâ zu ĂŒbersetzen) unter anderem das Spielen von Trommeln (darunter der engoma), LĂ€ngsflöten (darunter der emubanda), der Trogzither enanga, Musikbögen (egobore und ekindongo), quer geblasene Tierhörner (enzamba und amakondere) und des Erdbogens omujariko. FĂŒr Rasseln und Stampfrohre sind andere Verben gebrĂ€uchlich.cite-ref-24[24]
In den 1940er Jahren war nach Beobachtungen von Klaus Wachsmann der Erdbogen in mehreren Varianten in ganz Uganda verbreitet. Der Erdbogen omujariko (auch sekitulege) der Baganda besteht aus einem 130 bis 150 Zentimeter langen biegsamen Ast, der in den Boden gesteckt wird. Das Erdloch misst etwa 20 Zentimeter auf jeder Seite und ist 25 Zentimeter tief. Zu seiner Abdeckung wird ein Bananenblatt, eine Blechplatte oder ein anderes dĂŒnnes Material verwendet. Eine um die RĂ€nder gelegte Reihe von Steinen fixiert die Platte am Boden. Der Musiker kniet seitlich neben dem Instrument, zupft die Saite mit dem Zeigefinger der rechten Hand und bewegt mit der linken Hand den Stab, um die Saitenspannung zu Ă€ndern. Bei einer damals seltenen Variante war die Saite an einer in das Erdloch gestellten Kalebasse befestigt. Der ugandische Erdbogen wird als Kinderinstrument zum solistischen Spiel oder zur Gesangsbegleitung beschrieben.cite-ref-25[25] Um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde von fĂŒnf oder sechs Erdbögen sekitulege berichtet, die Jungen der Baganda in einem Ensemble spielen.cite-ref-26[26]
FĂŒr den Erdbogen der Batoro im SĂŒdwesten des Landes gibt Klaus Wachsmann (1953) den Namen ekitulege und fĂŒr den Kalebassen-Musikbogen bei den dortigen Bakonjo den Namen ekitulenge an.cite-ref-27[27] In der Region Busoga (um Jinja am Nordufer des Victoriasees) heiĂt der seltene Erdbogen nach Berichten um die Mitte des 20. Jahrhunderts musokolome.cite-ref-28[28] Der als Kinderspielzeug verwendete Erdbogen ist oder war bei den Lugbara im Nordwesten Ugandas als itikili und bei den dortigen Alur als jigi-jigi und bei den Bagisu im Osten als malaba oder maloba bekannt.cite-ref-29[29] Tum kann bei den Lango im zentralen Norden Ugandas den Erdbogen und eine fĂŒnf- oder sechssaitige Bogenharfe mit einem Schildkrötenpanzer als Resonanzkörper bezeichnen.cite-ref-30[30] Weitere regionale Namen fĂŒr Erdbögen sind awunene bei den Iteso und musokolome bei den Basoga.cite-ref-31[31]
Von einem ungewöhnlichen transportablen Erdbogen wurde aus dem Distrikt Nakaseke in Zentraluganda berichtet. Er besteht aus einem etwa 90 Zentimeter langen Rundholz mit einem Loch an einer Stirnseite, in das der SaitentrĂ€ger gesteckt wird. Am anderen Ende ist eine Mulde in das Holz eingetieft, um den Hals einer Kalebasse aufzunehmen. Diese wurde mit einem Hautstreifen am Holz festgebunden. Die Saite verlĂ€uft von der Spitze des SaitentrĂ€gers durch den Hautstreifen, durch die nach oben ragende Rundung der Kalebasse und durch das Rundholz und ist an dessen Unterseite mit einem Zweig verknotet. Die Konstruktion erlaubt einen Vergleich mit der vietnamesischen ÄĂ n báș§u.cite-ref-32[32]
Kongo
Zum groĂen Spektrum der traditionellen Saiteninstrumente in der Demokratischen Republik Kongo gehören einfache, aus einem biegsamen SaitentrĂ€ger bestehende Zithern: Mundbögen, Kalebassen-Musikbögen, Erdzithern, Erdbögen; Zithern mit festem SaitentrĂ€ger: Stabzithern (zeze), Brettzithern, Trogzithern (enanga), FloĂzithern (totombito) und zusammengesetzte Saiteninstrumente: mehrere Bogenlauten (Pluriarc, lukombe und Ă€hnlich), Bogenharfen, symmetrische Leiern und mehrere Halslauten.
Jean-NoĂ«l Maquet (1956) beschreibt die Spielweise des Erdbogens bei den Azande im Norden des Kongo. Demnach wird eine etwa zwei Meter lange, an einem flexiblen Stab befestigte Rattanschnur mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand verkĂŒrzt, wĂ€hrend der Spieler mit einem Stöckchen in der rechten Hand abwechselnd auf die Saite und auf die aus Rinde bestehende Membran schlĂ€gt. Bei einer Variante des Instruments werden zwei Saiten verwendet und mit beiden Zeigefingern gezupft.cite-ref-33[33]
Bei den Baluba in der sĂŒdkongolesischen Region Katanga spielten frĂŒher Jugendliche den kleineren Erdbogen nkutu kubidi. Der elastische Stab wurde etwa einen halben Meter neben dem Erdloch in den Boden gesteckt, das mit einem RindenstĂŒck des muyeye-Baums abgedeckt war. Die Membran wurde durch Holzpflöcke mit hakenförmigem Ende am Boden gehalten. Die durch das mittige Loch gezogene Saite aus gedrehten Palmenfasern wurde mit einer Holzscheibe unter der Membran fixiert.cite-ref-34[34]
Alan P. Merriam (1959) teilt nach der seinerzeitigen Literatur die kongolesischen Musikinstrumente in die kulturellen Kategorien sakral und profan ein; letztere bestehend aus Trommeln, Schlitztrommeln, Musikbögen, Erdbögen, Leiern, Bogenharfen und Elfenbeintrompeten.cite-ref-35[35]
Bei den Momvu in der nordöstlichen Provinz Ituri heiĂt der Erdbogen lautmalerisch babakungu und seine Saite wird mit Daumen und Zeigefinger gezupft oder einem StĂ€bchen angeschlagen. Zwei ĂŒber die Membran gelegte Holzstangen werden durch jeweils zwei AstgabelstĂŒcke am Boden fixiert. Der Erdbogen gilt den Momvu als Nachbildung einer Tierfalle und wird bei Jagdritualen verwendet.cite-ref-36[36] Andere Ethnien im Kongo wie die Mongo (Nkundo) im Nordwesten des Landes nennen Erdzithern unter anderem kudrekene, kakalari, nedongu, kudrugu und kikilo. Das Erdloch hat typischerweise einen Durchmesser von 20 Zentimetern und ist 25 bis 30 Zentimeter tief. Das RindenstĂŒck wird mit Holzpflöcken am Boden festgenagelt. Zwei Jungen schlagen mit je zwei Stöckchen auf die Saite.cite-ref-37[37] Ein Bericht von 1960 fĂŒhrt unter itumbolongonda sowohl einen Erdbogen als auch einen Mundbogen der Mongo und unter kungunangu einen Erdbogen der MĂŒndĂŒ-Sprecher (Mondo) in Faradje (Provinz Haut-Uele) an.cite-ref-38[38]
PygmÀen in der nordöstlichen Provinz Haut-Uele spielen als einzige in ihrer Umgebung den Erdbogen papakungbu, bei dem die Saite mit einem Holzstab unter der Rinde befestigt ist. Sie wird mit den Fingern gezupft.cite-ref-39[39] Am Nepoko-Fluss in der Provinz Ituri nennen PygmÀen den mit einer Rattanfaser bespannten Erdbogen igbombo, der zur Gesangsbegleitung dient.cite-ref-40[40]
Zentralafrikanische Republik
Bei den Banda in der Zentralafrikanischen Republik heiĂt der Erdbogen mit einer Membran aus Baumrinde kevandingenda. Wie bei den Momvu im Kongo wird die Membran durch zwei aufgelegte Holzstangen und AstgabelstĂŒcke festgehalten und wie beim dyulu tama der Malinke diente der Erdbogen den Banda als akustische Vogelscheuche in der Zeit vor der Ernte.cite-ref-41[41]
Der von Jungen gespielte Erdbogen der Baka-PygmĂ€en entspricht in seiner Form und Funktion demjenigen der Banda. Die Membran besteht aus einem RindenstĂŒck, einer Blechplatte oder einem alten Topfdeckel. Als Saite dient eine Liane oder eine Nylonschnur (Angelschnur). Sie wird mit dem Finger gezupft, wĂ€hrend die andere Hand den SaitentrĂ€ger auf oder ab bewegt.cite-ref-42[42]
Die Mpiemo-Sprecher in der PrĂ€fektur Sangha-MbaĂ©rĂ© im SĂŒdwesten des Landes verzichten bei ihrem Erdbogen angendeng Maurice Djenda (1968) zufolge völlig auf einen Resonator. Das untere Ende der an einem um 60° gekrĂŒmmten Ast befestigten Saite wird einfach mit einem Pflock in die Erde gesteckt.
Eine Variante zwischen Erdbogen und Erdzither ist eine 1966 von Gerhard Kubik und Maurice Djenda bei den Mpiemo-Sprechern beobachtete Schnur, die um einen Pflock geschlungen, von einem Spieler an beiden Enden waagrecht ĂŒber einen Topf gehalten und vom zweiten Spieler mit Stöcken geschlagen wird.cite-ref-43[43]
Die Gbaya-Bokoto, eine ethnische Untergruppe der Gbaya, verwenden den ungewöhnlichen Erdbogen korongoe (korongwe),cite-ref-44[44] dessen unteres Saitenende in ein Loch im Boden einer auf der anderen Seite offenen BlechbĂŒchse gezogen und mit einem Knoten oder einem Hölzchen befestigt wird. Der jugendliche Spieler zieht die Dose mit der Ăffnung nach unten bis auf Grund des etwa 20 Zentimeter tiefen und 25 bis 30 Zentimeter breiten Erdlochs und spannt dadurch die an einem Ast befestigte, ĂŒber 80 Zentimeter lange Saite. WĂ€hrend des Spiels hĂ€lt er die Dose mit seinen FĂŒĂen fest. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand zupft er die Saite und verkĂŒrzt sie mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand.cite-ref-45[45]
Westafrika
Der Name dyulu tama (französische Umschrift dioulou-tama) fĂŒr einen Erdbogen der Malinke in der Region Fouta Djallon in Guinea bedeutet âSaiten-Trommelâ.cite-ref-46[46] Das zylindrische Erdloch ist nach der Beschreibung vom Anfang des 20. Jahrhunderts ungefĂ€hr 40 bis 50 Zentimeter tief und hat einen Ă€hnlich groĂen Durchmesser, der mit einer Schafhaut ĂŒberdeckt ist. Die Membran wird am Rand von hakenförmigen Pflöcken am Boden gehalten. Durch die Zugspannung der an einem Loch in der Mitte mit einem KalebassenstĂŒck befestigten Saite wird die Membran etwas nach oben gezogen. Die Saite aus Palmfaser ist etwa einen Meter lang. Wenn sie mit einem weichen SeilbĂŒndel angeschlagen wird, produziert sie einen dumpfen Ton. Wird hingegen mit der mit Harz bestrichenen Hand entsprechend einer Schnur-Reibtrommel entlang der Saite gestrichen, so entsteht ein lauter Heulton, der virtuos mit dem Schlagton kombiniert werden kann. Bei einem anderen, zur Tanzbegleitung verwendeten Erdbogen war die Fellmambran durch eine Blechplatte ersetzt.cite-ref-47[47]
SĂŒdliches Afrika
In Simbabwe wird der Erdbogen dzikamunhenga oder kambuya-mbuya genannt. Als Saite dient ein Draht und als Membran eine Blechplatte. Sehr wenige mĂ€nnliche Musiker in Simbabwe spielen einen Erdbogen neben dem Mundbogen chipendani, deren zusammengehörende musikalische Tradition sich von der des sĂŒdafrikanischen Frauen-Mundbogens umqangala unterscheidet. WĂ€hrend das schwindende Interesse an Musikbögen und anderen traditionellen Musikinstrumenten seit langem beklagt wird, gilt der Erdbogen im sĂŒdlichen Afrika als nahezu ausgestorben. Das Repertoire des frĂŒher von jungen Hirten, Ă€lteren MĂ€nnern und Frauen gespielten chipendani umfasst ein breites Spektrum von Liedern ĂŒber Rinderzucht, Brautwerbung und Heirat. Manche Musiker setzen ihn auch beim Besessenheitskult Mashawe ein. Rinder gehören bei den Shona zu den Hochzeitsverhandlungen, denn sie werden von der Familie des BrĂ€utigams als Brautpreis (roora oder lobola) ĂŒbergeben. In einem Lied fĂŒr den Erdbogen mit dem Titel Kuramba murume ane mombe (âeinen Mann, der Rinder besitzt, zurĂŒckweisenâ) wird die Verbindung von Rindern, Wohlstand und Heirat thematisiert.cite-ref-49[49]
Im Standardwerk zur sĂŒdafrikanischen Musik von Percival Kirby, The Musical Instruments of the Native Races of South Africa (1934), wird der Erdbogen nicht erwĂ€hnt. Erst John Blacking (1965) fĂŒhrt den offenbar einzigen Erdbogen SĂŒdafrikas der Venda namens kalinga oder galinga in die Literatur ein. In den 1980er Jahren fand Jaco Kruger lediglich einige Ă€ltere MĂ€nner, die in ihrer Jugend einen Erdbogen gesehen hatten, aber kaum jemand, der damit spielen konnte. FrĂŒher bestand der Venda-Erdbogen aus einem bis zu zwei Meter langen Ast, der in den Boden gesteckt wurde, falls nicht ein an einem Gehölz wachsender Zweig zur VerfĂŒgung stand. Die Saite (lurale) wurde aus gedrehten Sehnen, seltener aus Pflanzenfasern und gelegentlich auch aus Draht angefertigt. Der Draht wurde auf seiner gesamten LĂ€nge mit Ochsenschwanzhaaren umwickelt. Im einfachsten Fall wurde die Saite durch ein Loch in einer als Membran dienenden Blechplatte gezogen und an einem Stein am Boden der Grube festgebunden. Ansonsten wurde eine zum Worfeln verwendete Korbschale (luselo) umgedreht auf die Grube gelegt, mit Holzpflöcken am Boden fixiert und die Saite daran festgebunden. HĂ€ufiger platzierte man eine groĂe Kalebasse mit der Ăffnung nach oben in das Erdloch und stampfte sie am Rand mit Erde fest. Die Saite wurde mittig an einem quer durch die Kalebasse gesteckten Holzstab festgebunden. Eine Neuerung der 1920er und 1930er Jahre war ihr Ersatz durch groĂe Blechkanister. Der Musiker bewegte den Ast mit der linken Hand und schlug mit einem Stock in der rechten Hand bevorzugt auf das bodennahe Ende der Saite, um eine andere Klangfarbe zu erzeugen auch weiter oben in der Mitte der Saite. Die kalinga diente frĂŒher als rhythmische Begleitung von ChorgesĂ€ngen.cite-ref-50[50]
Den Resonanzraum eines offenen GefĂ€Ăes nutzt in Botswana die mit einem Bogen gestrichene einsaitige Schalenzither segankuru aus. Wie bei der modernisierten kalinga besteht ihr Resonator aus einem offenen Blechkanister, der aber in diesem Fall ĂŒber das obere Ende des Instruments gestĂŒlpt wird. Der typische Erdbogen ist in Botswana als mafata-iswaneng bekannt. Die an verschiedenen Stellen mit einem Stöckchen geschlagene Saite bringt einen weit hörbaren Ton hervor.cite-ref-51[51]
Madagaskar
Auf Madagaskar ist die hauptsĂ€chlich frĂŒher in Vietnam und auf der Malaiischen Halbinsel vorkommende Erdzither bei der Volksgruppe der Merina unter dem Namen amponga fandrotrarana (âQuecken-Gras-Trommelâ) oder amponga tany (âErdtrommelâ) bekannt. Die Besonderheit dieser Erdzither, die von Kindern beim ViehhĂŒten gespielt wurde, sind zwei Erdlöcher nebeneinander und auf deren Membranen aufgestellte Hölzer, ĂŒber welche die Saite verlĂ€uft. Curt Sachs (1938) weist darauf hin, dass eine entsprechende Brettzither mit zwei Stegen nur in Indonesien (auf der Insel Madura) vorkommt. Einige andere madagassische Musikinstrumente â wie die Bambusröhrenzither valiha â haben eine eindeutig sĂŒdostasiatische Herkunft.
AuĂerdem kommt auf Madagaskar der Erdbogen vor, den die Tanala, eine Ethnie im SĂŒdosten der Insel, pitikilangy nennen. Ăber ein etwa 30 Zentimeter tiefes Erdloch wird ein StĂŒck harongana-Rinde (Harungana madagascariensis) gelegt, das ĂŒber einem Rahmen aus verbundenen Bambusröhren gespannt ist. Die Membran wird von Holzpflöcken am Boden gehalten. Der in den Boden gesteckte Ast ist rund 1,5 oder 2 Meter lang. Nach einer anderen Beschreibung ist das Erdloch nur 12 Zentimeter tief und misst 20 Zentimeter im Durchmesser. Aus der Gegend von Toliara wurde im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von einem wesentlich kleineren Erdbogen mit einem nur 50 Zentimeter langen SaitentrĂ€ger berichtet.cite-ref-52[52]
Mittelamerika
Nach allgemeiner Ansicht gab es in Mittel- und SĂŒdamerika in prĂ€kolumbischer Zeit (vor 1492) keine Saiteninstrumente. Diese wurden erst ab dem 16. Jahrhundert mit den spanischen Eroberern und Missionaren sowie aus Afrika mit afrikanischen Sklaven eingefĂŒhrt, die offenbar auch den Erdbogen in die Karibik mitbrachten. Unter den Afrokubanern ist oder war er als kimbumba oder kumbandera bekannt. In lĂ€ndlichen Gebieten im Osten Kubas heiĂt der Erdbogen tumbandera. Als Membran wird ein Palmblatt oder heute eher eine Schweinshaut von etwa 40 Zentimetern Durchmesser mit Holzpflöcken am Boden befestigt. Der SaitentrĂ€ger wird etwa einen Meter entfernt in den Boden gesteckt und ragt mit seiner Spitze bis einen Meter ĂŒber das Erdloch.cite-ref-53[53] Im Westen Kubas waren Erdbögen nicht bekannt.cite-ref-54[54]
In Haiti wird der Erdbogen französisch tambour maringouin (tanbou marengwen, auch calorine), entsprechend englisch mosquito drum genannt, eigentlich ein Kinderinstrument in lĂ€ndlichen Regionen.cite-ref-55[55] Harold Courlanders Beschreibung von 1941 erinnert an die afrikanischen Vorbilder: Ein 30 bis 45 Zentimeter tief gegrabenes zylindrisches Erdloch wird mit einer Membran aus Tierhaut, Rinde oder BananenblĂ€ttern ĂŒberdeckt und mit Pflöcken fixiert. Der Spieler zupft die Saite mit den Fingern einer Hand und biegt mit der anderen Hand den elastischen grĂŒnen Zweig, an dessen oberem Ende sie befestigt ist. Bei einer tragbaren Variante ist eine Blechdose als Resonator auf ein Brett montiert. Buben und junge MĂ€nner spielen zur Unterhaltung gelegentlich zwei oder drei mosquito drums zusammen; rhythmisch begleiten sie sich mit Stöcken, die sie auf ein Brett (assot) oder ein Bambusrohr (cata) schlagen, und vielleicht einer Rassel. Denselben afrikanischen Ursprung hat die Bambusstampfröhre ganbo (granbo) in Haiti.cite-ref-56[56]
In Trinidad heiĂt der Erdbogen tingotalango. Der praktisch verschwundene gayumba (grayumba) in der Dominikanischen Republik wurde zur gesellschaftlichen Unterhaltung und Tanzbegleitung eingesetzt.cite-ref-57[57] An der AtlantikkĂŒste Kolumbiens lebende Afrokolumbianer spielen den bereits erwĂ€hnten, heute Ă€uĂerst selten gewordenen Erdbogen carĂĄngano.
Literatur
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âą Jennifer Kyker: Music under the Ground: Ethnomusicological Research on the Ground-Bow in Africa. In: Ethnomusicology, Band 65, Nr. 2, Sommer 2021, S. 324â358
âą Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. Doubleday, New York 1964
âą Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 378â381
âą David K. Rycroft: Ground harp. In: Grove Music Online, 2001
âą Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton & Company, New York 1940
âą Klaus Wachsmann: Tribal Crafts of Uganda. Part Two: The Sound Instruments. Oxford University Press, London 1953, S. 391â393
âą Ulrich Wegner: Afrikanische Saiteninstrumente. (Veröffentlichungen des Museums fĂŒr Völkerkunde Berlin. Neue Folge 41) Staatliche Museen PreuĂischer Kulturbesitz, Berlin 1984
Weblinks
âą Ground bow. Koninklijk Museum voor Midden-Afrika, Tervuren (behandelt den Erdbogen nkutu kubidi der Baluba im Kongo)
âą Jennifer Kyker: The Ground Bow in Zimbabwe and Beyond. American Musical Instrument Society
Einzelnachweise
cite-note-11. â Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl. Band 2. E. Schweizerbartâsche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1871, S. 313, 317 (Wikisource: 19. Kapitel â Quellen und Volltexte)
cite-note-22. â Curt Sachs, 1940, S. 42f
cite-note-33. â Vgl. Gerhard Kubik: Das Khoisan-Erbe im SĂŒden von Angola. Bewegungsformen, Bogenharmonik und tonale Ordnung in der Musik der ÇKungâ und benachbarter Bantu-Populationen. In: Erich Stockmann (Hrsg.): Musikkulturen in Afrika. Verlag Neue Musik, Berlin 1987, S. 82â196, hier S. 115
cite-note-44. â Curt Sachs, 1940, S. 63
cite-note-55. â Bo Lawergren: The Origin of Musical Instruments and Sounds. In: Anthropos, Band 83, Heft 1/3, 1988, S. 31â45, hier S. 35f
cite-note-66. â Jeremy Montagu: Origins and Development of Musical Instruments. Scarecrow Press, Lanham (Maryland) 2007, S. 194
cite-note-77. â Jeremy Montagu: How Music and Instruments Began: A Brief Overview of the Origin and Entire Development of Music, from Its Earliest Stages. In: Frontiers in Sociology, 20. Juni 2017, S. 1â12, hier S. 7
cite-note-88. â Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued). In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 6, Nr. 3, Juli 1933, S. 277â311, hier S. 310
cite-note-99. â Ulrich Wegner, 1984, S. 60
cite-note-1010. â Curt Sachs, 1940, S. 55
cite-note-1111. â TrĂąn VÄn KhĂȘ, Nguyen Thuyet Phong: Vietnam, Socialist Republic of. 2. Instruments. (ii) Chordophones. In: Grove Music Online, 2001
cite-note-1212. â Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued), 1933, S. 282
cite-note-1313. â Klaus Wachsmann: A Century of Change in the Folk Music of an African Tribe. In: Journal of the International Folk Music Council, 1958, Band 10, 1958, S. 52â56, hier S. 53
cite-note-1414. â Gerhard Kubik: Babatoni. In: Grove Music Online, 3. September 2014
cite-note-1515. â Gerhard Kubik: Africa and the Blues. University Press of Mississippi, Jackson (MS) 1999, S. 167â169, ISBN 978-1-57806-146-4
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cite-note-1919. â David Evans: Afro-American One-Stringed Instruments, 1970, S. 238
cite-note-2020. â Percival R. Kirby: The Musical Instruments of the Native Races of South Africa. Oxford University Press, London 1934, S. 26
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cite-note-4949. â Jennifer Kyker: Reassessing the Zimbabwean Chipendani. In: African Music: Journal of the International Library of African Music, Band 10, Nr. 2, 2016, S. 40â66, hier S. 44, 55, 58
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cite-note-5151. â Elizabeth Nelbach Wood: A Study of the Traditional Music of Mochudi. In: Botswana Notes and Records, Band 8, 1976, S. 189â221, hier S. 214
cite-note-5252. â Curt Sachs: The Musical Instruments of Madagascar. In: Translingual Discourse in Ethnomusicology, 6, 2020, S. 1â103, hier S. 39f (zuerst veröffentlicht als: Les Instruments de Musique de Madagascar, Paris 1938)
cite-note-5353. â John M. Schechter: Kimbumba. In: Grove Music Online, 31. Januar 2014
cite-note-5454. â Harold Courlander:: Musical Instruments of Cuba. In: Musical Quarterly, Band 28, Nr. 2, April 1942, S. 227â240, hier S. 240
cite-note-5555. â Remy Cepoudy: Tanbou marengwen. Inventaire du patrimoine imatĂ©riel dâHaĂŻti (ausfĂŒhrliche Beschreibung mit Video, französisch)
cite-note-5656. â Harold Courlander: Musical Instruments of Haiti. In: The Musical Quarterly, Band 27, Nr. 3, Juli 1941, S. 371â383, hier S. 278
cite-note-5757. â Martha Ellen Davis: Dominican Republic. III. Traditional music. 3. African influence. In: Grove Music Online, 2001